Wer kennt das nicht: du kommst als Kunde, neuer Mitarbeiter, externer Berater, Gast oder sonst was in ein Unternehmen und verstehst plötzlich nur noch Bahnhof und Abfahrt.

Viele Firmen, vor allem grössere, sprechen ihre eigene Sprache. Zunächst gibt es die beinahe schon üblichen Anglizismen und Abkürzungen – und natürlich auch Abkürzungen für die Anglizismen. Damit es nicht zu einfach ist: B2C, CEO, SEO, CRM, BRIC, ROW, EBIT, M2M, IOT, ROI, TCO usw. usf. Es kann sich ja jede(r) mal überlegen, bei welchen dieser Abkürzungen er auch tatsächlich den gesamten Begriff kennt und auch weiss, was dieser auf Deutsch bedeutet!

Bevorzugt in sogenannten Top-Management Kreisen wird also gerne über R&D diskutiert, nicht über die Entwicklungsabteilung, man spricht im HR (zu Deutsch Personal-Abteilung) vom Head-Count und von FTE und eher nicht von Menschen. Human Capital eben. Aber den ganzen Management-Kauderwelsch hat man irgendwann drauf, wenn man lange genug dabei ist und an entsprechenden Meetings (uups… Besprechungen) teilnimmt. Und wenn man mal tatsächlich nicht weiss, wovon gerade gesprochen wird, nickt man einfach verständnisvoll mit dem Kopf. Wird schon keiner merken.

Noch schlimmer als der „Denglisch“-Kauderwelsch sind allerdings die firmenspezifischen Begriffe und Abkürzungen, die für Außenstehende – das sind tendenziell alle Menschen, die nicht seit mindestens zehn Jahren in diesem Unternehmen arbeiten – kaum, oder gar nicht nachvollziehbar sind. Angefangen von Namenskürzeln über Abteilungskürzel, hin zu Bereichs- oder Unternehmenskürzeln (z.B. in Konzernen) bis zu Produkt-Kürzeln. Selbst Formulare haben Kürzel. ALLES wird abgekürzt! Ob es Sinn macht oder nicht. Und was nicht abgekürzt wird, hat einen „speziellen“ Namen.

Beispiele?

Der Martin Maier ist nicht der Martin, oder der Herr Maier. Er ist der „MM“. Er arbeitet auch nicht in der Konstruktionsabteilung, sondern im TK3-E4 im Gebäude VT3B. Sein Chef ist übrigens der DL. Alles klar?

Ich erinnere mich noch gut an den verwirrten Gesichtsausdruck der neuen Kollegin, als ihr gesagt wurde, dass sie sich die Präsentation noch vom ON freigeben lassen müsse. Vermutlich würde sie noch heute durch die Gänge des Unternehmens irren, auf der Suche nach der Lösung zur Frage „Wer oder was ist denn bitte ON?“, hätte ich sie nicht in einer ruhigen Minute zur Seite genommen und ihr erklärt, dass es sich hierbei um das Namenskürzel des Geschäftsführers handelt… (alle Namen und Abkürzungen sind übrigens frei erfunden und jegliche Ähnlichkeiten zu existierendem Firmen-Slang wären reiner Zufall).

Einem potenziellen Kunden wurde in der Firmenpräsentation erklärt, man habe nicht nur den Geschäftsbereich KSU, sonder noch zwei weitere. Nämlich TRW und GHN. Die beiden letzteren wären aber Bestandteil der SCU und deshalb deutlich kleiner. Dort würden ja auch ausschliesslich die NDWs entwickelt. Da mag der eine oder andere jetzt schmunzeln, aber ähnliche Gespräche erlebe ich immer wieder.

Und dann wundern wir uns darüber, dass neue Mitarbeiter so lange brauchen, um sich einzuarbeiten, oder Kunden frustriert nach Hause gehen, weil sie kaum etwas verstanden haben?

Firmen sprechen also ihre eigene Sprache. Warum tun sie das? Weil die Menschen faul sind? Zu faul, selbst die kürzesten Begriffe auszuschreiben, wenn das Kürzel dafür auch nur einen Buchstaben weniger hat? Oder weil sie nicht wollen, dass sie von anderen – also den oben bereits beschriebenen Außenstehenden – verstanden werden?

Wo kommt das her?

Meine Vermutung ist, dass der Abkürzungsfimmel in Unternehmen mit dem Computer Einzug gehalten hat. Wer erinnert sich noch an die grausigen Zeiten von MSDOS, in denen Datei- oder Verzeichnisnamen, Benutzernamen und Passwörter nicht mehr als 8 Zeichen haben durften? Und die Datei-Erweiterungen hatten gar nur 3 davon, oder Laufwerksbezeichnungen sogar nur einen. Daran hat sich im Übrigen bis heute nichts geändert: „Herr Müller, die Präsentation von heute Vormittag liegt im üblichen Verzeichnis auf Laufwerk H“.

Später hat sich das dann klammheimlich in die schriftliche Kommunikation eingeschlichen. Aus „Mit freundlichen Grüßen“ wurde MfG. In den Anfangszeiten der Textverarbeitung waren Programme noch in der Lage daraus automatisch ein „Mit freundlichen Grüßen“ zu generieren. Heute braucht man das gar nicht mehr. Statt „Liebe Grüße“ wird LG gesendet und AJF (auf jeden Fall) VG an alle. Die Verkürzung der Kommunikation, getrieben durch die Betriebssysteme der 90er und die Messenger-Dienste der 2000er, ist bis in alle Bereiche unserer täglichen Sprache durchgedrungen. Die Kids von heute Lachen nicht mehr, sie sagen „LOL“. Auch das Sch…-Wort findet kaum noch Gebrauch. WTF tut’s ja auch.

Aber zurück zu den Unternehmen. Die exzessive Verwendung einer eigenen „Unternehmens-Fremdsprache“ birgt bedenkliche Risiken. Warum? Weil nicht nur die Kommunikation im Unternehmen erschwert wird und zu Missverständnissen führt, sondern auch weil dadurch eine Art babylonische Sprachverwirrung entsteht, in der der Eine den Anderen nicht mehr versteht. Diese unternehmensspezifischen Abkürzungen sind nun mal reines Insiderwissen. Und das nicht nur in der Sprache, sonder vor allem in der schriftlichen Kommunikation, also in Protokollen, Prozessbeschreibungen, Weisungen, E-Mails, im Intranet, in Präsentationen, oder Berichten. Das macht Kommunikation ineffizient, sorgt für Verwirrung und Frustration, generiert unnötige Nachfragen und ist extrem Fehleranfällig. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Wissenstransfer wird unnötig erschwert, oder verhindert.

Ich erlebe es häufig, dass Mitarbeiter in Unternehmen die Fähigkeit verlernt haben, sich ohne ihren Firmen-Slang zu artikulieren. Teilweise scheint man sogar stolz darauf zu sein, diese „Fremdsprache“ besonders gut zu beherrschen. Mit den oben erwähnten Folgen. Kunden, Partner, oder neue Mitarbeiter/innen verstehen einen nicht mehr. Dabei ist es doch gerade in der Aussenkommunikation unumgänglich, dass die Sprache der Zielgruppe gesprochen wird und nicht der Slang des Unternehmens. Wenn Mitarbeiter das aber nicht mehr beherrschen, werden sie von den Kunden oder von den neuen Kollegen und Kolleginnen einfach nicht mehr verstanden. Und das ist dann durchaus ein Problem, oder kann zu einem werden!

Daher: gelegentlich „Back to the roots!“

Liebe Unternehmer/innen und Unternehmen: hört genau hin – hinterfragt bitte gelegentlich eure „Fremdsprache“ in der Firma und besinnt euch darauf, wenigstens bei der Kommunikation mit Kunden, Partnern, aber auch neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Sprache zu sprechen, die diese auch auf Anhieb verstehen können. Verwendet Namen, statt Kürzel. Für die Menschen, Abteilungen und Unternehmen. Und wenn möglich auch für die Produkte. Auch wenn es zunächst schwer fällt.

Seinen eigenen „Slang“ zu beherrschen mag zwar cool sein, macht aber nichts besser!

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