Wer kennt sie nicht, die zahllosen Casting-Shows? Von DSDS über Germany’s Next Top Whatever, Supertalent („Three Yesses“) und X-Factor bis zu The Voice of Germany. Alle haben sie eines gemeinsam: es geht ausschliesslich um’s gewinnen. Die Neu-Formulierung des olympischen Mottos „dabei sein ist alles“ in „dabei sein ist Scheisse – gewinnen ist alles!“ wird hier traurige Realität. Aber nicht erst seit der inflationären Verbreitung von Casting-Shows geht es nur noch um’s gewinnen, um’s „Erster sein“, der Beste. „Second is first loser“ heisst es im Rennsport, „The winner takes it all“ sang einst Abba, „No time for losers“ Queen und selbst am Kreisverkehr hat der Schnellste Vorfahrt.

Wir leben in einer Wettbewerbs-Gesellschaft. Jeder muss oder will der Beste sein. Gemeinschaft oder Miteinander wird nur gefordert oder gefördert, wenn es nicht anders geht. Messy und Ronaldo würde vielleicht viel lieber alleine auf dem Platz stehen – alleine gewinnen, alleine Erster sein. Aber gegen 11 Gegner hätten selbst diese Ausnahme-Kicker keine Chance mehr. Und plötzlich wird das Kollektiv zum Trumpf. Aber auch nur dann.

Es beginnt schon in der Schule. Die Schüler mit den besten Noten werden ausgezeichnet, nicht die nettesten, oder die immer pünktlich zum Unterricht erscheinen, oder nie die Hausaufgaben vergessen. Bei Klassenarbeiten wird der Noten-Durchschnitt ausgegeben, damit man auch gleich weiss, ob man zu den Gewinnern oder zu den Verlieren gehört. Hand aufs Herz: ob unsere Kinds tatsächlich etwas gelernt haben, ob sie bemüht oder zuverlässig waren, wird da bestenfalls noch zur Randnotiz. Interessiert aber quasi niemanden. Mit den guten Noten gibt es den Studienplatz, oder den coolen Job. Ob du wirklich was kannst spielt dabei erst mal keine Rolle. Frustrierend für alle, die nicht mit überragender Intelligenz gesegnet sind, oder?

Und in der Freizeit geht es weiter. Egal ob beim Fussball, Tischtennis oder Schach. Es geht immer nur um den Sieg. Wer gewinnt bekommt die Punkte und wer die Punkte hat steht in der Tabelle oben. Wer ist der „Beste“ ist die alles entscheidende – nein, die einzige Frage. „Na? Gewonnen?“ wird gefragt und nicht „Na? Spass gehabt?“. „Nein“, werden jetzt viele sagen. „Es geht doch hauptsächlich um den Spass.“ – ja, klar… Geht es eben nicht. In welcher Sportart gibt es denn bitte Fördertrainings oder Förder-Stützpunkte für diejenigen, die am meisten Spass haben? Eben – in keiner. Gefördert werden die vermeintlich Besten. Und mit welchem Ziel? Erfolg. Nothing else matters.

Im Beruf ist es da nicht anders. Erfolgreich will man sein, Karriere machen. Auch mal auf Kosten der Familie, oder der Gesundheit. Erfolg macht sexy. Sozialer Status und soziale Anerkennung sind massgeblich verquickt mit beruflichem – sprich finanziellem – Erfolg. Warum verkaufen die deutschen Automobil-Edelmarken wie Audi, Mercedes und BMW denn so viele Fahrzeuge? Das Auto ist ein Blech gewordenes Erfolgs-Symbol. Da ist er wieder: der Erfolg. Wenn mal der Sechszylinder vor der Türe steht, dann ist man halt wer. Die meisten Tesla-Fahrer machen das übrigens auch aus Image-Gründen und nicht, weil sie grün angehaucht sind und den Klimawandel stoppen wollen. Vorne dabei sein ist halt wichtig. Und mit einem Tesla zeigt man, dass man es sich auch leisten kann. Game, Set and Match. Schon mal auf der Autobahn gefahren?

Ausnahmen bestätigen die Regel. Ein Fussballverein wie der SC Freiburg beispielsweise ordnet nicht alles gnadenlos nur dem Erfolg unter, dem Gewinnen. Da bleibt der Trainer auch dann, wenn man mal abgestiegen ist. Und bei den Spielern wird auch auf eine gesunde Entwicklung der Persönlichkeit geachtet und nicht nur auf Schusstechnik und Laktatwerte. Beim FC Bayern ist das etwas anders – ‚mia san mia‘.

Aber was machen wir mit all dem vermeintlich so wichtigen Erfolg? Was ist der Preis dafür? Und was passiert, wenn wir mal keine Erfolg haben? Wenn wir nicht vorne sind, nicht Erster? Was macht das mit uns? Schauen wir uns doch mal um in Deutschland und der Welt. Das Streben nach Gewinn-Maximierung und die daraus folgende Ellbogen-Mentalität, Egoismus, eine Neid- und Missgunst-Gesellschaft sind unübersehbare Folgen dieser lebenslangen Casting-Show bei der es nur ums Gewinnen geht. Aber die wenigen Gewinner generieren meist viele Verlierer. Und die gehen dann irgendwann auf die Barrikaden. Und wir wundern uns dann beispielsweise über das scheinbar nicht aufzuhaltende rechte Gedankengut und die zunehmende Radikalisierung immer breiterer Bevölkerungsschichten.

Mein Rat deshalb: lasst euch nicht vom Erfolg (ver)leiten. Erstrebenswert sind andere Dinge im Leben. Zum Beispiel Zufriedenheit. Und glaubt mir: die ist in einer Welt, die geprägt ist durch Casting-Shows, durch eine Gewinner-Mentalität, viel schwerer zu erreichen, als vorne zu sein, über anderen zu stehen, mehr Geld zu haben, viel schwerer, als „der Erfolg“.

Viel Erfolg dabei 😉

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