Home-Office, Home-Schooling – Home, Sweet Home – die aktuellen Modebegriffe, die das Leben einfacher machen.

Wird das Unwort der Jahres nun „Home-Schooling“, oder „lageangepasst“. Oder gar „lageangepasstes Home-Schooling“?

Was wir die letzten gut 50 Jahre in der Firma oder in der Schule gemacht haben, sollen oder dürfen wir jetzt also von zu Hause aus machen. Zu Hause arbeiten, zu Hause lernen, unterrichten und so ganz nebenbei auch wie immer zu Hause wohnen, kochen, essen, putzen und schlafen. Da muss ein „zu Hause“ unter Umständen ganz schön groß werden und teilweise gänzlich andere Voraussetzungen erfüllen, als die, für die es einmal erbaut wurde.

Plötzlich soll gehen, was bisher undenkbar oder angeblich unmöglich war. Unternehmen und Unternehmer die gestern noch der Meinung waren, dass Home-Office bestenfalls Drückeberger in Anspruch nehmen, die sich etwas zusätzliche Freizeit zum Rasen mähen verschaffen wollen, plädieren plötzlich dafür, dass Mitarbeiter/innen ihren Job vom heimischen Schreibtisch aus erledigen. Selbst die Schulfplicht wird in einigen Bundesländern ausgesetzt. Home-Office, Home-Schooling und „digital learning“ sind plötzlich en-vogue. Hat es dafür tatsächlich erst die Corona-Krise gebraucht?

Und ist das nun endlich die berühmte und seit mindestens 20 Jahren viel zitierte Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Keine Führungskraft muss nach Feierabend nach Hause hetzen, um rechtzeitig da zu sein, wenn die Kinder kommen. Kein Stress mehr beim Frühstück, weil die Schüler und Schülerinnen zum Bus müssen und die Eltern ins Büro zum ersten Meeting um 8.30 Uhr. Dafür kocht die Mama oder der Papa jetzt ganz entspannt neben der mittäglichen Web-Konferenz das Mittagessen, welches die Kinder anschliessend gemütlich während der Mathe-Stunde verdrücken können. Heile Welt, dank Corona und Digitalisierung.

Konsequent zu Ende gedacht und konsequent zu Ende gemacht, hätte das doch jede Menge Vorteile. Unternehmen brauchen nur noch einen Bruchteil an Büros und Infrastruktur bereitstellen. Von den Unmengen an Parkplätzen mal ganz abgesehen. Weniger Strom, Wasser, Heizung… Riesige Einsparpotenziale tun sich da auf. Weniger Autos auf den Straßen, weniger Umweltverschmutzung, weniger Unfälle. Wer da noch gegen Home-Office ist, der hat’s nicht kapiert, oder? Ganz ehrlich: die Stunde die ich jeden Tag weniger im Auto sitze, reicht mir viermal zum Rasen mähen alle zwei Wochen.

Und erst bei den Schulen!

Steigen wir gedanklich doch mal komplett auf das sogenannte Home-Schooling um. Keine Klassenräume mehr, keine Turnhallen und Sportplätze. Bewegen können die sich schließlich in ihrer Freizeit – so wie wir Arbeitnehmer auch – Hansefit für Schüler. Nicht nur, dass man so den Unterhalt der vielen Schulgebäude einspart. Nein, man könnte damit den sozialen Wohnungsbau massiv nach vorne bringen, indem man die frei werden Flächen mit Wohnhäusern überbaut. Ganz ohne zusätzlichen Flächenbedarf. Das muss unserer grünen Landesregierung doch ein breites Lächeln ins Gesicht zaubern! Keine Schulbusse mehr und keine Zuschüsse für Fahrkarten. Alle Lerninhalte digital, statt in altmodischer und umweltschädlicher Papierform. Das spart Millionen, schont die Wälder und senkt den Wasser- und Energieverbrauch.

Und die Familie ist endlich den ganzen Tag gemütlich beisammen.

Im nächsten Schritt ersetzen wir die Lehrer durch KI. Schliesslich sind wir hier in Deutschland und ziehen deshalb auch die Digitalisierung des Bildungssektors bis zum bitteren Ende (der Schulen und Lehrer) durch. Laptops und Tablets für die Schüler sind ja bestimmt nicht das Ende der Pläne, oder, liebe Politiker? LinkedIn-Learning, Udemy, YouTube und Co. sind sowieso vielleicht heute schon besser, als die meisten Unterrichtsstunden an den Schulen. Und deutlich besser auf die jeweiligen Bedürfnisse der Zielgruppe auszurichten, als es ein Lehrer kann, der 30 Kindern in einem Raum etwas vorbetet, in der Hoffnung, dass wenigstens etwas mehr als die Hälfte davon ansatzweise versteht, was er ihnen erzählt.

Mit diesen Maßnahmen können wir Milliarden an Gehältern und Pensionen einsparen und diese in Rüstung und Abwrackprämien stecken.

Schliesslich müssen wir uns vor der russischen Bedrohung schützen (ausserdem braucht die Bundeswehr ab und zu mal neues Spielzeug) und die Automobil-Industrie – das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – am Laufen halten. Nur ein neuer Diesel ist schliesslich ein guter Diesel. Bei flächendeckender Elektromobilität gäbe es überhaupt keinen Grund mehr für den steuerfinanzierten Austausch von Gebrauchtwagen. Also gut nachdenken, bevor ihr ein Elektro-Auto kauft!

Und mein Home-Office, was dann ja eher eine Home-Company mit angeschlossener privater Bildungseinrichtung ist, setze ich großzügig von der Steuer ab. Ein Büro für meine Frau und eines für mich. Dazu noch zwei virtuelle „Klassenzimmer“ – für jedes Kind eines. Vier Laptops, ein Server, zwei Drucker plus Papier, drei Monitore, Office-Pakete usw. Da ist doch für jeden was dabei!

Alle gewinnen.

Die Arbeitgeber, die Familien (schließlich hat man jetzt 24 Stunden am Tag alle seine Lieben um sich), die Umwelt, der Staat, die Bundeswehr und die Automobil-Lobby. Win-Win-Win-Win…, oder? Ok, ein paar arbeitslose Lehrer und Beamte bei den Schulbehörden. Kollateralschäden. Die füttern wir halt noch so lange durch, bis es keine mehr gibt. Kann man ja aussitzen, wie den Kohlebergbau. Lehrer-Cent, statt Kohle-Pfennig. Oder wir nutzen sie zum anlernen der KI. Eventuell kann die aus dem 50 Jahre alten Wissen ja noch was brauchbares machen. Läuft!

„Und was ist mit den sozialen Kontakten?“ wird sich jetzt manche(r) fragen.

Wo sind die denn noch, ohne Arbeitsplatz in der Firma, ohne den gemütlichen Plausch unter Kollegen an der Kaffeemaschine, ohne endlose Diskussionen in sinnentleerten Meetings? Und ohne Schule? Ohne Religions- und Musik-Unterricht? Ohne Theater AG? Ganz einfach. Da wo sie immer sind: bei Facebook, Instagram, LinkedIn, Xing, TicToc… No Problem! Als ob man soziale Kontakte nicht ebenso digitalisieren könnte. Schliesslich geht das mit dem Arbeitsplatz und der Schule auch. Muss man halt mal flexibel sein und sich anpassen können und nicht immer nur rum jammern wie diese gestressten Eltern, die es nicht gebacken bekommen, neben ihrem Job zu Hause auch noch die Kinder fortzubilden. Die sind einfach nicht digital und nicht agil genug im Kopf.

Also: ziehen wir’s durch – digital, aber richtig. Auf die schöne, neue, einfache, digitale Welt. Danke Corona!

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