„Nein! Doch! Oooohhh!“ – eines der vermutlich berühmtesten Film-Zitate aus einem Louis de Funès Film (Bildquelle: Marisa Rastellini (Mondadori Publishers) / Public domain) ebnet den Weg zu diesem bahnbrechenden Artikel. Es ist kaum zu glauben, aber er kommt wirklich! Er kommt!

Ja, wer denn nun?

Der Kreisverkehr in Ebringen. Ebringen, diese kleine 2.800 Seelen Gemeinde, zehn Auto-Minuten südlich von Freiburg am Schönberg gelegen, ist vermutlich eine der wenigen Ortschaften in Deutschland die im Jahr 2020 tatsächlich nicht einen einzigen Kreisverkehr hat. Diese Tatsache an sich ist eventuell schon bemerkenswert, auch wenn ich dazu kein belastbares Material gefunden habe. Bedenkt man aber, dass es ca. 12.000 Gemeinden gibt und ca. 20.000 Kreisverkehre, ist es zumindest statistisch auffällig, wenn man in einem Ort wohnt, der keinen Kreisverkehr hat.

Noch deutlich bemerkenswerter ist jedoch die Tatsache, dass dieser Kreisverkehr jetzt endlich gebaut werden soll. Ich weiß nicht, wie lange dieses Thema hier schon aktuell ist. Aber sicher weit länger als in den zehn Jahren, in denen ich hier wohne.

Selbst bin ich ja nicht wirklich politisch aktiv. Das hat mich nie so gereizt. Ich habe noch nicht herausgefunden, ob man einsam wird, wenn man Politiker ist, oder ob man Politiker wird, weil man einsam ist. Einsam ist jedenfalls nichts für mich. Politik damit auch nicht. Dass so ein Kreisverkehr primär ein politisches Thema sein kann, musste ich daher auch erst lernen.

Angefangen hat es damit, dass wir 2009 nach Ebringen gezogen sind. Von nun an war der Arbeitsweg nach Sulzburg gekennzeichnet durch den morgendlichen Kampf an der Kreuzung auf die L125. Die ungefähr 16.000 Fahrzeuge die sich dort jeden Tag durch’s Schneckental kämpfen – und zwar hauptsächlich zu den Berufsverkehrszeiten – erlauben ein Linksabbiegen von Ebringen nur dann, wenn man lebensmüde ist (oder Sebastian Vettel), oder wenn man von einem gnädigen Zeitgenossen reingelassen wird. Letzteres ist immer noch hoch risikobehaftet, weil man beim Linksabbiegen ja beide Fahrstreifen kreuzt. Ich habe also relativ schnell gemerkt, dass das keine einfache, teilweise sogar unmögliche Übung ist. Jeden Morgen willst du dir das nicht geben. Nachdem ich dann auch noch mehrere, teils schwere, Unfälle an dieser Kreuzung gesehen habe, konnte ich überhaupt nicht mehr nachvollziehen, warum sich hier nichts ändert und begann mich mit dem Thema zu beschäftigen.

Je tiefer ich in die Historie des Themas eintauchte, um so schneller wurde mir klar, dass es sich hier nicht lediglich um eine Kreuzung handelt. Nein, hier hatten wir es mit einem bereits Jahrzehnte lang andauernden Konflikt mehrer Umland-Gemeinden, dem Regierungspräsidium Freiburg und dem Ministerium in Stuttgart zu tun!

Die nun folgende Beschreibung des Dilemmas und seiner Auswirkungen ist einzig und alleine aus meinem Wissen entstanden und ist sicher weder vollständig noch hundertprozentig korrekt. Sehen wir es also als eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht, wie es immer so schön heißt.

Wer es gerne genauer mag, kann mal den Suchbegriff „Schlingenlösung“ googeln.

Angefangen hat das Ganze bereits Ende der 50er Jahre. Schon damals war man sich mehr oder weniger einig darüber, dass die Verkehrsführung der Bundesstraße Nr. 3 – kurz B3 und übrigens soweit ich weiß die längste Bundesstraße Deutschlands – in der damaligen Form nicht Bestand haben kann. Insbesondere die Ortsdurchfahrten in Schallstadt und Norsingen, aber auch Bad Krozingen, machten schon damals massive Probleme. Zunächst schien die Option, den Verkehr durch’s „Schneckental“, also über die L125 zu leiten attraktiv. Widerstand aus den Anliegergemeinden führte dann allerdings zu neuen Planungsvarianten, wobei unter anderem die sogenannte „Schlingenlösung“ in’s Spiel kam.

Die „Schlingenlösung“ – Quelle: L125-Voraus

Inzwischen sind wir in den 80ern gelandet und das Thema ist noch immer nicht vom Tisch. Der Verkehr nimmt weiter zu. Der Widerstand in den betroffenen Orten ebenfalls. Mitte der 80er legt man sich dann im Regierungspräsidium – nach diversen Gutachten und Arbeitsgruppen – wohl auf die Schlingenlösung fest, obwohl es auch hier zahlreiche Gegner gab und immer noch gibt. So richtig einig ist man sich nie geworden. Selbst in politischen Kreisen nicht, zum Beispiel zwischen Verkehrministerium und Regierungspräsidium.

Bis heute werden daher immer wieder punktuelle Massnahmen umgesetzt, die in der Schlingenlösung vorgesehen sind, offensichtlich ohne abschließenden Konsens aller Betroffenen. So wurde beispielsweise die Ostumfahrung von Bad Krozingen gebaut und die L125 nur so ausgebaut, dass sie als brauchbare Alternative für die B3-Ortsdurchfahrten in Schallstadt und Norsingen im Prinzip nicht taugt. Um der Inkonsistenz des Ganzen dir Krone aufzusetzen, hat man schließlich in den 2000ern diese Ortsdurchfahrten mit Tempo 30 belegt, während die L125 für LKW gesperrt ist.

So tuckern nun täglich vermutlich dutzende von LKW mit 30 Sachen durch Schallstadt und Norsingen, während die meisten der über 16.000 PKW jeden Tag durch’s Schneckental walzen, auf einer Straße, die dafür nicht wirklich geeignet ist. Dumm gelaufen!

Und was hat jetzt der Kreisverkehr in Ebringen damit zu tun? Ganz einfach. Die alltägliche Blechlawine auf der L125 macht ein Einfahren von Ebringen, wie eingangs bereist beschrieben, quasi unmöglich. Im morgendlichen Berufsverkehr kommt von links ein Fahrzeug nach dem anderen, wie an einer Perlenschnur. Und wenn sich doch mal eine Lücke findet, wird das Linksabbiegen zum russischen Roulette, weil von rechts die Autos mit mindestens 70 km/h angeflogen kommen und man fast nichts sieht. Wer einmal zu den Stoßzeiten an dieser Kreuzung versucht hat nach links abzubiegen, dem werden zwei Dinge klar. Erstens: hier muß eine andere Lösung her, entweder ein Kreisverkehr oder eine Ampel. Und zweitens: weder ein Kreisverkehr noch eine Ampel lösen das Verkehrsproblem!

Wo ist also das Problem? Das Problem kommt dann, wenn man das eingangs beschriebene, verkehrspolitische Dilemma und den Ebringer Kreisverkehr in einen Topf schmeißt. Ebringen will ihn haben. Logisch. Schallstadt und Norsingen haben natürlich nichts dagegen, betoniert der neue Kreisverkehr doch nur ein Stück mehr die favorisierte und auch faktisch vorhandene Verlagerung des PKW-Verkehrs auf die L125. In Pfaffenweiler bekommt man derweil graue Haare, weil damit die in den 80ern durch das Regierungspräsidium festgelegte Schlingenlösung weiter an Bedeutung verliert und der Verkehr durch’s Schneckental so sicher nicht weniger wird. Das Ganze wird aus Pfaffenweiler Sicht noch dadurch verschlimmert, dass man sich an Zusagen zum schnellen Bau der Ortsumfahrung Schallstadt auf politischer Ebene plötzlich nicht mehr erinnern will.

Einmal mehr versucht man in Arbeitsgruppen den Knoten zu lösen, der schon aufgrund der Historie kaum noch zu lösen ist. Und wieder kommt man mit einer fadenscheinigen „Einigung“ um die Ecke, von der hinterher die Einen nichts wissen, es die Anderen komplett anders verstanden haben und die Dritten absolut einverstanden sind. Täglich grüßt das Murmeltier…

Einblicke in die Ansichten der einzelnen Protagonisten findet man unter anderem in diesem Artikel aus der Badischen Zeitung von 2012.

Weil es mir jetzt langsam zu Bunt wird, schreibe ich eine E-Mail an die damalige Staatssekretärin für Verkehr und Infrastruktur Gisela Splett in Stuttgart. Sie antwortet – aus meiner Sicht unbefriedigend. Und so folgt die nächste Mail. Und dann folgen E-Mails an die Bürgermeister in Ebringen und Pfaffenweiler und an das Regierungspräsidium in Freiburg. So langsam bekomme ich ein Gefühl für die Dimension dieses Kreisverkehrs und für die über Jahrzehnte gewachsenen politischen Verkrustungen und Verwerfungen hierzu. Aber: aufgeben gilt nicht! Ich schreibe also weiter fleißig nach Stuttgart und lasse mir nichts weg diskutieren.

Schreiben von Frau Staatssekretärin Splett (Auszug) – Quelle: eigene Dokumente

Wer genau hinsieht, kann erkennen, dass alleine zwischen den beiden abgebildeten Schreiben knapp vier Jahre liegen, in denen ausser vieler gutgemeinter Worte nur wenig passiert ist…

Schreiben von H. BM Hahn, Pfaffenweiler (Auszug) – Quelle: eigene Dokumente

Und irgendwann, nach langer Zeit, taucht der Kreisverkehr dann tatsächlich in den politischen Planungen auf, genauer im Landesstraßenbauprogramm 2015/2016 des Landes Baden-Württemberg.

Gewonnen!? Denkste… Kaum steht die Finanzierung, schon regt sich Widerstand. Insbesondere aus Pfaffenweiler. Eine Ertüchtigung der L125 möchte man auf keinen Fall. Statt dessen wird jetzt die Schlingenlösung wieder aus der Schublade gezogen. Grundsatzdiskussionen werden wieder aufgezogen, wo pragmatisches Handeln längst notwendig und auch möglich wäre. Die alten Gräben reißen wieder auf.

Planung zum Ebringer „Turbokreisel“ – Quelle: Planfeststellungsbeschluss des RP Freiburg

So kommt es, wie es kommen muss. Nachdem die Pläne auf dem Tisch liegen, klagt Pfaffenweiler. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2019. Damit sind sage und schreibe 60 Jahre vergangen und die Geschichte ist noch nicht zu Ende! Mitte 2020 schließlich, wird die Klage aus Pfaffenweiler durch den Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg auch in zweiter Instanz abgewiesen. Endgültig. 2023 soll nun tatsächlich mit dem Bau des Kreisverkehrs begonnen werden. Ein weiteres Kapitel der unendlichen Geschichte des Verkehrs um den Batzenberg ist geschrieben.

Auszug aus dem Urteil des Verwaltungsgerichtes Freiburg – Quelle: Gemeinde Pfaffenweiler, Webseite

Ein Gesamtkonzept für den Verkehr rund um den Batzenberg wird es aber aller Voraussicht nach auch dann noch nicht geben. Der nächste Streit ist also nur eine Frage der Zeit.

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