Keine Sorge. Nur die Überschrift ist Englisch. So viel Innovation wollen wir doch nicht ernsthaft der Leserin oder dem Leser zumuten! Also ganz entspannt in der Komfortzone bleiben und weiterlesen. Es tut garantiert nicht weh.

Innovation ist immer ein großes Wort. Worum geht es? „Um etwas Neues.“, wird der eine sagen. „Um etwas bahnbrechendes!“ die andere. Alles richtig. Schlussendlich geht es aber um wirtschaftliche Interessen. Wer glaubt schon, dass Länder Milliarden in Förderprogramme für Innovationen stecken, wenn sie nicht der Meinung wären, dass das Geld irgendwann zurück kommt. Und was im Großen gilt, gilt auch im Kleinen. Kein Unternehmen jagt nur so zum Spass Geld durch den Schornstein, um einigen vermeintlichen Spinnern eine Spielwiese zu bauen, auf der die sich austoben können. Nein! Es geht immer um Geld. Um den „ROI“, also „Return On Investment“. Hört sich wichtig an. Ist aber ein einfacher Dreisatz. Für jeden Euro, den ich investiere, möchte ich zwei Euro zurück. Der erste Euro ist also das Investment und die anderen beiden Euro sind der Return. Easy! Oder? Ja. Ist es.

Die Formel zum Erfolg lautet also:

Return = Invest x Innovationsfaktor, oder R = I x IF

Allerdings gibt es noch einen weiteren wichtigen Faktor beim ROI. Die Zeit. Genau genommen müsste es also heißen:

R(t) = (I x IF) / t

Das Ganze ist nämlich eine Funktion die abhängig ist von der Zeit (womit bewiesen wäre, dass Zeit = Geld ist). Der Return soll also nicht nur möglichst hoch sein, sondern auch möglichst schnell kommen, also in möglichst kurzer Zeit. Immer noch easy. Wir nehmen also den Sack voller Ideen, suchen diejenigen raus, die für jeden eingesetzten Euro das meiste Geld in der kürzesten Zeit in die Kasse spülen und schon sind wir reich.

Leider fangen an diesem Punkt die Probleme an. Welche Ideen sind denn diejenigen, die uns in kürzester Zeit viel Geld in die Kassen spülen? Wie bewerten wir das? Wie erkennen wir das?

Hier gibt es mehrere Ansätze. Ich beleuchte mal zwei davon. Den einen nenne ich den „Deutschen Ansatz“, den anderen den „Amerikanischen Ansatz“.

Der „Amerikanische Ansatz“ basiert auf einer Strategie aus der Investitionslehre: Risikostreuung. Wer mal in Aktien „gemacht“ hat, kennt das. Nahezu jeder Anlageberater empfiehlt, nicht das ganze Kapital auf eine Aktie zu setzen, sondern seinen Einsatz zu streuen. Nichts anderes machen übrigens die ganzen Fonds. Und wenn man den Zahlen und den Experten glaubt, scheint es ja zu funktionieren. Schlussendlich ist das übrigens auch nur stumpfe Mathematik. In diesem Fall Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ich habe mal einen amerikanischen Manager für Risiko-Kapital (venture capital) kennen gelernt. Der verwaltet Risiko-Kapital in Höhe von 50 Milliarden US Dollar. Sein Ansatz war recht einfach. Er investiert in 100 Firmen und wenn eine davon ein „Treffer“ ist, hat er in wenigen Jahren das Geld wieder drin, das er in die anderen 99 Unternehmen investiert hat. Plus Rendite. Und das Geld nimmt er dann und investiert in weitere 100 Firmen. Risikostreuung eben. Aber immer noch Risiko.

Der „Deutsche Ansatz“ geht davon aus, dass man jede Idee von vorne herein und zu einem sehr frühen Zeitpunkt schon so qualifizieren, einordnen und bewerten kann, dass man schlussendlich mit der einen und vielversprechendsten Idee ins Rennen gehen kann, die den maximalen und schnellstmöglichen Return verspricht. Dieser Ansatz basiert also auf einem stark risikoreduzierten Ansatz, jedenfalls was die Höhe des finanziellen Investments anbelangt. Genau genommen ist es jedoch ein „alles oder nichts“ Ansatz und damit aus einer reinen Risikobetrachtung heraus eher eine Lotterie, denn eine Investment-Strategie. Die Logik dahinter basiert auf dem Wunsch, mit möglichst wenig Kapital-Einsatz, möglichst viel Rendite zu erwirtschaften. In einem Umfeld mit unbekanntem Ausgang nichts anderes, als ein Glücksspiel. Wer kennt schon im Vorfeld alle Kriterien, die eine abschließende Beurteilung einer neuen Geschäftsidee so valide machen, dass mit 100%-iger Sicherheit deren Erfolg – also Return – vorhergesagt werden kann? Das ist ein schöner Traum. Mehr nicht. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung wird hier einfach ausgeblendet, oder ignoriert.

Wie sagt man so schön? „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“.

Und wenn wir uns die Innovationen der letzten 50 Jahre anschauen, erübrigt sich schon die Frage danach, welcher Ansatz derjenige ist, der mehr Return (oder Rendite) gebracht hat. Es genügt, die Kurs-Entwicklungen der zehn grössten amerikanischen Unternehmen mit denen der zehn grössten deutschen Unternehmen über die letzten 10 Jahre zu vergleichen. Unter den 15 größten Unternehmen der Welt (nach Börsenwert) finden wir 11 aus den USA. Darunter nachweislich innovative Firmen wie Apple, Amazon, Alphabet (Google) und Tesla. Das erste deutsche Unternehmen landet mit SAP auf Rang 63. Unsere deutschen „Vorzeigeunternehmen“ Volkswagen und Siemens liegen um die 80er.

‪‎‪ROI‬, Business Cases und lückenloses ‪Controlling‬ sind Innovationskiller!

Wer jede Idee zuerst vorrechnen, jede Änderung per Business Case beweisen will oder muss und nur ‪dann Budget‬ bekommt, wenn das Gremium der „Alten“ den Segen gibt, darf sich nicht wundern, wenn es nur noch „Versionen“ vom schon Bestehenden gibt. Es gibt keine Zeit zum ‪Basteln‬, keinen ‪Mut‬ zum ‪Risiko‬ und zu großen Respekt vor zu vielen Regeln.

Der „Deutsche Ansatz“ führt maximal zu inkrementellen Innovationen, aber niemals zu echten Durchbrüchen, wie wir sie bei Google, Tesla, oder Space-X gerade sehen, oder gesehen haben. Systematisch können Innovationen nur in einem Umfeld entstehen, in dem Risikokapital vorhanden ist, das gestreut wird. Der Ansatz, im Vorfeld schon die „beste“ oder vielversprechendste Idee zu finden und nur in diese zu investieren, ist gleichzusetzen mit der Idee beim Roulette nur auf eine Zahl zu setzen, in der Hoffnung, dass genau diese dann auch kommt. Allerdings ist das „Innovations-Roulette“ ein Spiel mit weitaus mehr als 36 Zahlen… Mit dem „Amerikanischen Ansatz“ wird aus der oben gezeigten Gleichung ein Integral, bei dem wir den Return über das gesamte eingesetzte Kapital und die Zeit integrieren.

Heute sind wir so effizient, das jede Minute verplant, jeder Euro aufgeschrieben und jede Idee sofort von diesem „Deutschen Ansatz“ assimiliert wird. Neben Innovation ist auch das lebenslange Lernen ein großer Verlierer in diesem Spiel – und gerade das ist besonders wichtig, wenn sich die Welt schnell verändert. Sicher sollten wir diese Tugenden behalten, aber uns eben sowohl, als auch um dynamische, agile, offene Kommunikation und Zusammenarbeit bemühen. Auch mal Raum zum „Spielen“ lassen, bewußt das „Ja aber“ unterdrücken, Informationen teilen – bevor sie perfekt sind. Und mehr Vertrauen in unser Bauchgefühl oder unsere innovativen Kompetenzen haben. Einen „Mut-Anfall“ am Tag – um auch spannende Dinge zu verfolgen, die nicht gleich einem Vorstands-Pitch standhalten müssen… Eins ist jedenfalls sonnenklar: Die Kompetenzen und Methoden, die uns bisher erfolgreich gemacht haben, werden nicht reichen, um weiterhin erfolgreich zu sein!

Wer jetzt noch der Meinung ist, dass andere Länder nur deshalb so viele Innovationen generieren, weil sie so viel Geld haben, dem sei etwas Nachhilfe in Mathematik und Wahrscheinlichkeitsrechnung empfohlen.

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