Ja, mein Tech-Blog „humpelt“ derzeit. Ich weiß! Das liegt unter anderem daran, dass ich meinen Fußball-Tracker bisher nicht testen konnte, weil mich eine Erkältung und Rückenbeschwerden davon abgehalten haben. Bis dahin müsst ihr halt einmal mehr mit „mani’s Meinung“ vorlieb nehmen.

Heute gibt’s ein Märchen. Das Märchen von der Standardisierung. Und wie alle Märchen beginnt auch diese mit „Es war einmal…“.

Es war einmal eine Zeit, in der die Techniker dieses Planeten verstanden, dass es uns allen das Leben einfacher macht, wenn wir gewisse Dinge allgemeingültig festlegen, also „standardisieren“. Und so ergab es sich, dass man versuchte, die wichtigen Dinge des Lebens möglichst einheitlich zu gestalten, im Sinne des Nutzers, auf dass er seine Geräte und Maschinen möglichst überall und einfach einsetzen und verwenden könne. In vielen Ländern einigte man sich damals zum Beispiel darauf, auf der rechten Seite der Straße zu fahren (gut, die Engländer machen da nicht erst seit dem bevorstehenden Brexit eine Ausnahme). Die Netzspannung beträgt seit dem in weiten Teilen der Welt 230 V (Wechselspannung), an der Tankstelle passt seit langem jeder „Schnorchel“ in den dazugehörigen Tank und wer sich einen 15er Gabelschlüssel kauft, kann sich sicher sein, dass der auch zu einer 15er Schraube oder Mutter passt. Alles gut!

Mit der Zeit allerdings verstand die Industrie, dass Standardisierung ein scharfes Schwert sein kann. Sie schafft nämlich auch normierte Märkte, in denen man nahezu einheitliche Produkte problemlos weltweit anbieten kann. Klar, man wird auch vergleichbarer. Aber dieser Nachteil wird durch die immense resultierende Marktgrösse und die deutlich gesenkten Investitionen in die Produkte locker kompensiert. Standardisierung wurde vom Mittel, das Leben zu vereinfachen, zum Mittel, die Märkte massiv zu vergrößern.

Was nun geschah verwundert nicht. Grosse Unternehmen fingen an ihre eigenen „Standards“ zu definieren und in den Markt zu drücken. Entweder durch ihre eigene Kraft, oder durch entsprechende Normen und Richtlinien. In der Elektrotechnik zum Beispiel wurden „standardisierte“ Schnittstellen förmlich zum Renner. Hatte man Ender der 80er mit dem Profibus noch versucht einen tatsächlich mehr oder weniger einheitlichen Industriestandard für die Kommunikation zu entwerfen, zerfiel dieses Vorhaben bald in diverse eigenständige Initiativen, jeweils maßgeblich durch einzelne Hersteller getrieben. In den 90ern entwickelte z.B. Beckhoff EtherCAT, Bosch den CAN-Bus, Echelon das Local Operating Network „LON“, Allen-Bradley DeviceNet und – vom ZVEI getrieben – kam SERCOS. Die Installations-Riesen Gira, Merten, Berker und Jung einigten sich immerhin auf EIB, aka Instabus, aka KNX und damit auf einen weiteren Kommunikations-Standard. Es gab ja noch keinen. Naja, werdet ihr jetzt vielleicht argumentieren, jeder Bus hat ja seine Spezialität und damit seine Vorteile in bestimmten Anwendungen. Richtig und falsch zugleich. Denn Tatsache ist, dass viele der genannten Kommunikations-„Standards“ auch für jeweils andere Zwecke geeignet gewesen wären, hätten die entsprechenden Industrievertreter einmal miteinander gesprochen. Haben sie aber nicht. Warum auch? Lieber schottet man sein Business elegant mit einem Standard ab – am besten noch unter dem Deckmantel eines „offenen“ Standards – als sich mit anderen womöglich in die Quere zu kommen. So war das. Aber damit ist die Geschichte nicht beendet. Im Gegenteil. Hier beginnt sie erst richtig.

Neben den inzwischen sicherlich dutzenden von Standards in der Industrie-Automation gibt es nun auch jede Menge solcher in der Gebäude-Automatisierung, oder im Smart-Home: WLAN, DECT, ZigBee, Z-Wave, EnOcean, BLE usw. Sie alle machen und können mehr oder weniger das Gleiche. Man stelle sich das mal in der Elektro-Installation vor: zehn Verschiedene Systeme für Steckdosen, Licht-Schalter, oder Sicherungen wäre in etwa das Äquivalent hierzu. Undenkbar. Aber an vielen anderen Stellen und in vielen anderen Bereichen ist das inzwischen traurige Realität. Das Ergebnis sind massenweise Adapter und Converter. Kommt uns das bekannt vor? Was ist denn derzeit beispielsweise eines der vielzitierten und größten Hindernisse beim Smart-Home? Genau: das nichts mit dem anderen so richtig kompatibel ist und wenn, dann nur mit teils erheblichem Zusatz-Aufwand. Gateways, Adapter, Converter an allen Ecken und Enden.

Beispiel gefällig? Ich nutze Hue von Philips und möchte diese Geräte über meinen Echo (aka „Alexa“) von Amazon via Sprachsteuerung ein- und ausschalten (was an sich ja schon fast ein Witz ist, denn das ginge ja auch ganz einfach, durch Drücken eines Lichtschalters!). Dafür muss ich beide Systeme über die Cloud miteinander verbinden. Sonst verstehen sie sich nämlich nicht. Hue spricht ZigBee, Alexa spricht quasi „Internet“ (die Profis nennen das „API“). Damit das geht, benötigt man für die Lampen von Philips zunächst eine sogenannte „Bridge“ – der erste Converter. Er übersetzt die Sprache meiner Lampen in eine Sprache, die das Internet versteht. So kann ich dann mit der Philips-Cloud kommunizieren. Die wiederum muss das dann Übersetzen in die Sprache von Alexa. Der nächste Converter also. Die Systeme sprechen also viele verschiedene Sprachen und wo man in der Welt der Kabel physikalische Adapter benötigt (z.B. bei den verschiedenen USB-Standards) benötigt man in der drahtlosen Welt Gateways, Bridges und Software-Converter, um die Physik und die jeweilige „Sprache“ übersetzen zu können. Ein Wahnsinn, betrachtet man die Komplexität und die Kosten für solche Systeme. Die Converter machen so am Ende unter Umständen bis zu 50% der Kosten aus.

Was also nutzt uns die ganze sogenannte „Standardisierung“, wenn es am Ende zig solcher Standards gibt, wobei jeder nur seine eigenen Interessen verfolgt und keiner sich mit dem anderen – ohne aufwändige Konvertierung – verständigen kann? Nichts! Eben! Standardisierung ist meiner Meinung nach teilweise verkommen zum Vehikel der Hersteller und Industrie, mittels derer versucht wird Geld zu verdienen, z.B. durch aufwändige Zertifizierungsverfahren für Produkte die den Standard nutzen, durch Gebühren für Mitgliedschaften in irgendwelchen „Alliances“, durch den Verkauf von Hardware- oder Software-Lizenzen, oder eine Kombination von alledem. Der ursprüngliche Zweck einer für den Kunden sinnvollen und nützlichen Vereinheitlichung von technischen Konventionen, wird so immer unwichtiger. Und das nicht erst seit gestern, sondern bereits seit mindestens 30 Jahren. Inzwischen bekommt man es nicht mal mehr hin, eindeutige, einheitliche und damit wirklich „standardisierte“ Ladestationen für Elektro-Fahrzeuge einzuführen. Auch da kochen mehrere „ihr Süppchen“. Der Kunde? Der soll sich doch Adapter kaufen, für viel Geld. So sind und werden viele dieser sogenannten Standards nicht viel mehr oder weniger sein, als proprietäre Systeme. Sie heißen nur „schöner“ und erwecken eine Hoffnung oder einen Eindruck, den sie jedoch gar nicht erfüllen wollen.

Wie dieses Märchen endet? Eben als solches. Als Märchen für die Kunden. Man darf gespannt sein, wann der nächste neue „Standard“ für’s Smart-Home kommt, oder für die Video-Schnittstelle, fürs E-Auto, das Smartphone-Ladekabel oder den Anschluß der Festplatte.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann standardisieren sie noch heute – und morgen, und… 😉

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