Regeln sind wichtig. Da sind wir uns vermutlich einig. Regeln sorgen unter anderem für vorhersagbare Ergebnisse. Für „berechenbare“ Ergebnisse. In der Mathematik gilt das im wahrsten Sinne des Wortes: 2+3=5, oder 2×3=6. Kaum jemand muss über diese Regeln nachdenken. Wir bekommen sie bereits als Kinder in der Schule vermittelt und setzen sie um, ohne sie zu hinterfragen. Damit sind Regeln nicht nur wichtig, um Ergebnisse vorhersagen zu können, sie stellen auch allgemein gültige Konventionen dar und geben deshalb Sicherheit und eben Berechenbarkeit.

In Unternehmen sind Regeln besonders dann wichtig und gut, wenn bekannte Abläufe effizient und in hoher Qualität gestaltet werden sollen. Man versucht einen bekannten Input möglichst effizient – also Ressourcen sparend – in einen bekannten Output zu transformieren. Die Produktivität steigt und im Idealfall auch die Qualität. Und damit der Gewinn und die Kundenzufriedenheit. „Made in Germany“ eben! Besonders in der Produktion, aber auch in Entwicklung und Vertrieb sind Regeln und die damit erzielbaren Effizienz-Gewinne heutzutage enorm wichtig, um die Kosten im Griff zu haben. In der Produktion steigern sie Gewinn, Qualität und/oder Produktivität, in der Entwicklung reduzieren sie die „time-to-market“, also die Entwicklungsdauer, und erhöhen die Qualität. Und im Vertrieb erhöhen sie die Kundenzufriedenheit durch kurze Lieferzeiten, oder schnelle Reaktionen im Support-Fall und sorgen für wettbewerbsfähige Produktpreise.

All dies sind durchaus nachvollziehbare und gewichtige Gründe, warum heute viele Unternehmen „auf Effizienz gebürstet“ sind und extrem viel Wert legen auf Regeln, wie beispielsweise standardisierte Prozesse, standardisierte IT, Plattformen usw.

Was aber, wenn der Input neu ist? Wenn etwas passiert, auf das sich die bekannten Regeln nicht anwenden lassen? Wenn mal nicht 100%ig klar ist, was hinten raus kommen soll? Oder wenn hinten explizit mal was Neues herauskommen soll? Dann helfen standardisierte Prozesse und Regeln nicht. Dann sind die meisten Organisationen und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überfordert. Unter anderem aus diesen Gründen scheitern viele innovative Ideen und Ansätze in Unternehmen. Schon Albert Einstein hat erkannt: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Jedenfalls wird ihm dieses Zitat zugeordnet. Sei’s drum. In einer weitestgehend standardisierten und geregelten Umgebung wird es immer schwer bis unmöglich sein, wirklich Neues zu generieren. Neues kann oft in den bestehenden Prozessen und Regeln nicht (richtig) aufgenommen und transformiert werden.

Die meisten Unternehmen bzw. Unternehmer werden nicht widersprechen, wenn man ihnen sagt, dass Innovation ein wichtiger Bestandteil der Sicherung der Zukunft ihres Unternehmens ist. Gleichzeitig wird jedoch durch immer stärker werdende Regelungen und Standardisierungen die Innovation immer mehr behindert und die Organisation – getrieben durch mögliche Effizienzsteigerungen – immer unfähiger, überhaupt noch Neues hervorzubringen.

Aus genau diesem Grund ist Innovationsmanagement so wichtig! Ein Grundzug der Innovation ist es, dass es viele Unbekannte gibt. Neue Kunden- oder Marktanforderungen können oft genug eben nicht durch bestehende Regeln und Prozesse generiert werden und zwingen dann gelegentlich zum Eintritt in unbekanntes Terrain. Da helfen die bekannten Regeln dann nicht mehr. Eventuell sind sie sogar hinderlich. Und genau dann müssen wir uns auf etwas besinnen, was im betrieblichen Alltag heutzutage leider – der Effizienz geschuldet – oft in den Hintergrund rückt: auf Werte und den gesunden Menschenverstand!

Und was genau sind jetzt diese Werte? Ganz einfach: das sind die Dinge die uns, bzw. unserem Unternehmen wichtig sind. Und der gesunde Menschenverstand ist im Grunde nur eine Umschreibung für ähnliche Werte. In diesem Fall weniger Werte des Unternehmens, sondern viel mehr Werte, die wir (hoffentlich) in unserem sozialen Umfeld vermittelt bekommen. Beispiel? Die Regel könnte lauten: „Keine Meetings vor 8 Uhr und nach 17 Uhr.“ In einem durch Werte geprägten Unternehmen wäre diese Regel obsolet, weil man sich bspw. darüber einig ist, dass beim Ansetzen von Meetings auf die private und familiäre Situation der Eingeladenen Rücksicht genommen werden soll. Dann wären auch Meetings vor 8 Uhr oder nach 17 Uhr möglich, das eigentliche Ziel aber dennoch erreicht. Werte sind also weniger „exakt“ als Regeln, bieten damit aber auch mehr Freiheitsgrade. Sie fordern und fördern so die Verantwortung des Einzelnen und bieten unter Umständen genau den Freiraum der manchmal bei aller Effizienz eben doch notwendig ist, um Neuem oder Innovativem einen Raum zu geben.

Werte sind darüber hinaus übersichtlicher. In einem Unternehmen benötigt man nur relativ wenige Werte, um hunderte von Regelungen und Regeln zu vermeiden. Sie sind damit schneller zu vermitteln und deutlich nachhaltiger. Mal ehrlich: wer von euch kennt alle Regelungen, Weisungen und Vorschriften in seinem Unternehmen? Und wie genau werden diese dann am Ende eingehalten oder deren Einhaltung überprüft? Und wie sinnlos sind viele der Regeln? Oder wie veraltet, oder überflüssig, nicht eindeutig, fehlerhaft usw…? Wer die Werte des Unternehmens verinnerlicht hat, braucht viele Regeln gar nicht mehr, weil er intuitiv richtig handelt. Das ist einfacher für das Unternehmen und gibt dem Mitarbeiter Sicherheit, Verantwortung und Gestaltungs-Spielraum. Davon profitieren letzten Endes alle. Auch die Kunden!

Weniger Regeln – mehr Werte. Das wäre meines Erachtens nach ein Ansatz, über den viele Unternehmen nachdenken sollten. Im Interesse der Kunden, der Mitarbeiter und in ihrem eigenen…

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